30 Zeilen, 3 Minuten, mein Standpunkt zur SCHULPOLITIK

Die Schulpolitik wird derzeit sehr stark von den Corona- Themen bestimmt, sodass das originär landespolitische Dauerthema Bildung sonst kaum in Erscheinung tritt, trotz Wahlkampf. Wohl auch deshalb, weil man sich an das Nebeneinander von Werkreal- (ehemals Haupt-), Real- und Gemeinschaftsschulen sowie der Gymnasien gewöhnt hat, und in der Landesregierung eine Art Burgfrieden hingenommen wurde.

Das andere Streitthema betrifft die Gymnasien, die in der Regel mit dem sogenannten „G8“ nach Klasse 12 abschließen, was noch unter CDU/FDP eingeführt wurde. Das „G9“ wurde  –  auf Drängen der SPD  –  unter Grün- Rot Modellhaft an ca. 40 Schulen wieder „zurückgeholt“. Hinzu kommen die beruflichen Gymnasien, wo man ab Klasse 11 bis 13 schon immer „G9“ macht, als Fortführung nach Klasse 10, von Gemeinschafts- , Real- oder Werkrealschule kommend. Wenige berufliche Gymnasien bieten „G9“ inzwischen auch bereits ab Klasse 8 an.

Im Rahmen der Grün- Roten Reformen vor knapp 10 Jahren wurde auch die verbindliche Grundschulempfehlung abgeschafft, also die Wahlfreiheit der Eltern gestärkt.

Ich habe in den letzten Tagen mit mehreren „Involvierten“ aus Lehrer- und Elternschaft hochinteressante Interviews geführt, um auch meine eigene Sicht der Dinge zu schärfen.

Meine Erkenntnisse daraus in Stichpunkten:

  • Es gibt eine bewusst in Kauf genommene Konkurrenz zwischen Gemeinschaftsschulen und Real- bzw. Werkrealschulen, nicht nur um Schüler*innen und Lehrer*innen, sondern auch um politische Bedeutung, letztendlich auch um Landes- Finanzmittel. Man schaut genau, was „die anderen“ kriegen. Dass die CDU dabei Realschule & Co, wir Grünen eher den Gemeinschaftsschulen näherstehen, ist kein Geheimnis.
  • Das 3-gliedrige Schulsystem steht im Verdacht, ein nicht mehr zeitgemäßes Leistungsdenken, alten Frontalunterrichtsstil und langfristig wertlose Wissenspaukerei zu pflegen. Die Gemeinschaftsschulen kämpfen mit dem Vorwurf, heterogene Gruppen und allzu unterschiedliche Lernniveaus bremsten am Ende alle aus. Dies weckt nicht zuletzt bei Eltern und Kindern aus „behüteten Verhältnissen“ immer noch viele Vorbehalte.
  • Immer wieder sickert durch die Kontroversen aber hindurch:     entscheidender als das System selbst sind die handelnden Personen und ihre Beziehungen untereinander, die Lehrer*innen, die Kinder, die Eltern. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Lernen, Freude und Vertrauen maßgebliche Faktoren sind. Wo jemand engagiert und überzeugend Lehrstoff und Lernmethode vermitteln kann, wo Kinder interessengeleitet lernen dürfen, dort steigt der Bildungserfolg. „Kopf- Herz- Hand“ nannte es eine meiner Interviewpartner*innen. Umso wichtiger, allen Beteiligten dafür den Rücken freizuhalten.
  • Bis zu einem gewissen Grad belebt Konkurrenz ja sprichwörtlich das Geschäft und steigert vermutlich auch zwischen den Schularten die Qualität. Eine Stärke ist sicherlich auch die hohe Durchlässigkeit unseres Schulsystems:   man muss nicht die Schulentscheidung „für’s Leben“ treffen, sondern hat immer wieder Möglichkeiten, noch mal abzubiegen bzw. zu wechseln.
  • Große Einigkeit herrscht, dass digitales Lernen ausgebaut werden muss. Da hat Corona zwar zu einer deutlichen Beschleunigung geführt, dennoch bleibt noch großer Handlungsbedarf. Corona könnte aber auch Anlass sein, über digital- technische Fragen hinaus genauer zu analysieren, welche optimalen Rahmenbedingungen Schule generell braucht.

Meine Meinung:

  • Das Prinzip des möglichst langen gemeinsamen Lernens  –  mithin die Gemeinschaftsschule  –  halte ich grundsätzlich für die beste Lösung, weil Umgang mit unterschiedlichen Lernniveaus auch die soziale Kompetenz und damit gesellschaftliches Miteinander stärkt. Das sage ich auch aufgrund langjähriger Erfahrungen als Jugendgruppenleiter und Zeltlagerbetreuer, wo immer Kinder aus allen Schularten beieinander waren. Möglichst langes gemeinsames Lernen kommt im Übrigen auch der alten Volksschule am Nächsten und würde die „Schulzeit am Wohnort“ verlängern, was Kindern und Dorfgemeinschaft gut tut. Man darf auch nicht vergessen, dass der Handlungsdruck in der Schulpolitik vor allem durch das Imageproblem der Hauptschule entstand, obwohl sie pädagogisch immer hochwertiger Vorreiter war. Auch dieses Problem löst am Ehesten die Schule des „langen gemeinsamen Lernens“.
  • Deshalb würde ich auch am G8 festhalten und für den Gymnasialabschluss bewusst und abgegrenzt zwei Wege anbieten:  das „schnelle“ G8 am regulären Gymnasium, sowie G9 über Gemeinschafts- / Werkreal- und Realschule sowie Berufliche Gymnasien.
  • Ein Zurück zur verbindlichen Grundschulempfehlung ist nicht mehr zeitgemäß, Eltern müssen und wollen auch diese Eigenverantwortung wahrnehmen. Verbindliche Vorgaben halte ich auch deshalb nicht für sinnvoll, weil die Hierarchie  –  die damit suggeriert wird  –  ja gerade überwunden werden soll, wenn das „gemeinsame Lernen“ im Vordergrund steht.
  • Das Nebeneinander der konkurrierenden Schularten muss zu einem „Voneinanderlernen“ werden. Wichtig scheint mir daher auch, Fortbildungsmöglichkeiten auszubauen und die Lehrerschaft bei Verwaltung und Digitalisierung zu entlasten, damit sie sich voll auf ihr „pädagogisches Kerngeschäft“ konzentrieren kann.

Soweit für heute, meine persönlich formulierte Meinung, die dennoch in den Grundlinien meiner Partei folgt. Diesmal bin ich besonders gespannt auf event. Rückmeldungen und Widerspruch.

3 Kommentare

    • johannesschwarz.de

      Liebe Frau Gehring, (aus Gechingen, meinem Heimatort ???)
      das SBBZ habe ich nicht erwähnt, weil ich es aktuell nicht als umstritten betrachte.
      Aber die sehr weitgehenden Gedanken zur Inklusion haben zeitweise die Existenz der SBBZ’s grundsätzlich infrage gestellt.
      Dies scheint mir eher überwunden zu sein, die Seeäckerschule in Stammheim z. B. (meine Frau arbeitet inzwischen dort, eine unserer Töchter geht dort zur Schule) sind die Schülerzahlen wieder deutlich angestiegen.
      Kurzum, meine – zugegebenermaßen Laienhafte – Meinung: die SBBZ sollten auf jeden Fall bleiben, weil Inklusion im Grundsatz richtig ist, aber Grenzen hat.
      Eklatant ist die Lehrerversorgung, da hat man den Eindruck, dass die Eltern- Lobby für SBBZ’s deutlich schwächer ist als bei anderen Schulen.
      Soweit mal.

      Antworten
      • K.Gehring

        Lieber Herr Schwarz,

        vielen Dank für Ihre prompte Rückmeldung. Ich komme aus Ostelsheim😉.
        Ich bin Konrektorin an einem SBBZ und empfinde das so wie sie, oft wird die Schulform nicht erwähnt, was ich sehr schade finde. Wir kämpfen mit Lehrermangel und zunehmend problembeladeneren Familien. Schulsozialarbeit an der Schule ist mittlerweile ein Luxusgut und nicht mehr selbstverständlich an jeder Schule vorhanden. Auch beim Ganztagesschulbetrieb, der weiterhin ausgebaut werden soll, frage ich mich, wie dieser trotz Personalmangel umgesetzt werden kann/soll.
        Liebe Grüße
        Kathrin Gehring

        Antworten

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